Vier Schnitte durch die OPOS-Liste

Die meisten OPOS-Listen werden als Summe gelesen, und die Summe ist die am wenigsten brauchbare Zahl darin. Entscheidbar wird die Liste durch vier Schnitte. Erstens die Altersstruktur: nicht fällig, 1 bis 30 Tage, 31 bis 60, 61 bis 90, über 90. Zweitens die Konzentration, also der Anteil der fünf größten Debitoren. Drittens die Trennung in unstrittige und substantiiert bestrittene Posten. Viertens das Zahlungsverhalten je Debitor: spät, aber vollständig; in Teilen; oder gar nicht mehr.

Jeder Schnitt beantwortet eine andere Frage. Die Altersstruktur sagt, wie viel realistisch in den nächsten vier Wochen kommt, denn der Bucket über 90 Tage ist selten ein Terminproblem. Die Konzentration trennt das Mahnwesen-Thema vom Klumpenrisiko an einem einzigen Kunden. Der Streitstand entscheidet über den Weg: Ein unstrittiger Posten braucht Druck, ein bestrittener braucht Klärung, und beides zu vermischen kostet Wochen. Das Zahlungsverhalten zeigt, wo Nachfassen wirkt und wo es Zeit verbrennt.

Keine dieser vier Ansichten steht in der BWA. Sie ist eine Erfolgsrechnung und kennt weder Fälligkeiten noch offene Posten. Deshalb besteht der Unterlagensatz in der Krise aus BWA, SuSa und OPOS-Liste, und nur die OPOS-Liste lässt sich direkt in Geld übersetzen.

Eine Einschränkung gilt dort, wo der größte Zahler nicht der Kunde ist. In der Pflege zahlt die Pflegekasse nach § 87a Absatz 3 SGB XI unmittelbar und bei vollstationärer Pflege zum 15. eines jeden Monats; der Teil der Erlöse steht also nicht zur Disposition eines Mahnwesens, und die vier Schnitte gehören nur über Eigenanteile und Sozialhilfeträger gelegt.

In der Apotheke gilt dasselbe, nur bepreist das Gesetz dort das Datum: Die Kassenabrechnung nach § 300 SGB V lässt sich nicht anmahnen, und § 130 Absatz 3 Satz 1 SGB V knüpft den Abschlag von 1,77 Euro je Packung daran, dass die Rechnung „innerhalb von zehn Tagen nach Eingang bei der Krankenkasse beglichen wird".

Beim Arzneimittelgroßhandel ist der Kalender umgekehrt. Seit dem 22. September 2026 darf ein handelsübliches Skonto für Zahlung vor Fälligkeit den Festzuschlag von 73 Cent unterschreiten. Früherer Eingang, kleinerer Betrag. Die Langform sitzt auf der Großhandelsseite.

Eine Courtage-Rechnung nach Wohnungskauf ist ein eigener Fall. Bei Überwälzung nach § 656d Absatz 1 Satz 2 wird der Anspruch gegen die andere Partei erst fällig, wenn die auftraggebende Seite gezahlt hat und das nachgewiesen ist. Die Langform sitzt auf der Makler-Seite.

Was Zahlungsverzug kostet, und wen

Im Geschäftsverkehr ist Verzug keine Frage der Höflichkeit, sondern eine Rechtsfolge mit Preisschild. Nach § 286 Absatz 3 BGB kommt der Schuldner spätestens 30 Tage nach Fälligkeit und Zugang der Rechnung in Verzug, ohne dass es dafür einer Mahnung bedarf. Den Satz nennt § 288 Absatz 2 BGB: „Bei Rechtsgeschäften, an denen ein Verbraucher nicht beteiligt ist, beträgt der Zinssatz für Entgeltforderungen neun Prozentpunkte über dem Basiszinssatz." Der Basiszinssatz liegt seit dem 1. Juli 2026 bei 1,52 Prozent (Deutsche Bundesbank), der gesetzliche Verzugszins im reinen B2B-Geschäft damit bei 10,52 Prozent im Jahr. Dazu kommt nach Absatz 5 eine Pauschale von 40 Euro je Entgeltforderung.

Der operative Punkt ist nicht der Zinsertrag, sondern das Preissignal. Wer diese Positionen nie stellt, gewährt seinen Kunden einen Kredit zu null Prozent, den dieselben Kunden am Markt nirgends bekommen, und finanziert aus knapper Kasse die Liquiditätsplanung anderer. Ob und wie Sie die Ansprüche geltend machen, ist eine Vertrags- und Rechtsfrage und gehört vor das erste Schreiben zu Ihrem Anwalt.

Zwei Uhren laufen, und keine davon steht im Vertrag

Die erste Uhr ist die Verjährung. Nach § 195 BGB beträgt die regelmäßige Frist drei Jahre, und nach § 199 Absatz 1 BGB beginnt sie erst mit dem Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist. Praktisch verjähren fast alle Forderungen aus dem laufenden Geschäft deshalb gebündelt zum 31. Dezember: Was 2023 entstanden ist, fällt zum 31. Dezember 2026 aus. Mahnungen und E-Mails hemmen diese Frist nicht. Das tun nur Verhandlungen (§ 203 BGB), eine Klage oder ein zugestellter Mahnbescheid (§ 204 Absatz 1 Nummer 3 BGB). Der Mahnbescheid ist online bei den zentralen Mahngerichten zu beantragen und kostet eine halbe Gerichtsgebühr nach dem Streitwert, mindestens 38 Euro. Gemessen am drohenden Ausfall ist das der billigste Zeitkauf, den es gibt.

Die zweite Uhr ist die Zahlungsfähigkeit des Kunden, und sie läuft schneller. Was danach übrig bleibt, hat das Statistische Bundesamt am 26. August 2026 beziffert: In den 11.199 im Jahr 2024 beendeten Unternehmensverfahren lag die Deckungsquote bei 10,3 Prozent, bei GmbH und Unternehmergesellschaft bei 10,8 Prozent, die mittlere Verfahrensdauer bei 4,7 Jahren. Der unangenehmste Teil ist die Staffelung: Verfahren, die in unter zwei Jahren endeten, zahlten 4,7 Prozent. Wer wartet, wartet nicht auf eine Quote, sondern auf einen Bruchteil davon, und im Median fast fünf Jahre.

Die Umsatzsteuer, die längst abgeführt ist

Ein Posten fehlt auf fast jeder Seite über Forderungsmanagement, obwohl er reines Geld ist. Wer der Sollversteuerung unterliegt, schuldet die Umsatzsteuer mit der Leistung, nicht mit der Zahlung. In jeder unbezahlten Rechnung steckt also ein Betrag, den Sie dem Finanzamt längst überwiesen haben: bei 500.000 Euro überfälliger Bruttoforderungen zum Regelsteuersatz knapp 80.000 Euro.

Den Weg zurück regelt § 17 Absatz 2 Nummer 1 UStG: „Absatz 1 gilt sinngemäß, wenn das vereinbarte Entgelt für eine steuerpflichtige Lieferung, sonstige Leistung oder einen steuerpflichtigen innergemeinschaftlichen Erwerb uneinbringlich geworden ist. Wird das Entgelt nachträglich vereinnahmt, sind Steuerbetrag und Vorsteuerabzug erneut zu berichtigen." Uneinbringlich ist eine Forderung nach ständiger Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs bereits dann, wenn bei objektiver Betrachtung damit zu rechnen ist, dass sie auf absehbare Zeit nicht durchgesetzt werden kann, etwa weil der Kunde sie substantiiert bestreitet. Ein eröffnetes Insolvenzverfahren macht sie spätestens in voller Höhe uneinbringlich.

Zwei Grenzen gehören dazu. Eine Pauschalwertberichtigung, wie sie ertragsteuerlich zulässig ist, genügt umsatzsteuerlich nicht; es zählt die einzelne Forderung. Und eine zu früh vorgenommene Berichtigung kann das Finanzamt korrigieren, mit Zinsen nach § 233a AO. Ob und wann ein Posten uneinbringlich ist, entscheidet deshalb Ihre Kanzlei, nicht diese Seite. Für die Zukunft kennt § 20 UStG die Umkehrung: Auf Antrag kann das Finanzamt die Besteuerung nach vereinnahmten Entgelten gestatten, unter anderem bei einem Gesamtumsatz von höchstens 800.000 Euro im Vorjahr. Dann entsteht die Steuer erst mit dem Zahlungseingang.

Zur Klarstellung, weil die Nummer dieselbe ist: Dieser § 17 steht im Umsatzsteuergesetz, nicht in der Insolvenzordnung. Der § 17 InsO beantwortet eine andere Frage.

Der andere Fall ist nicht die unbezahlte, sondern die falsch beschriebene Rechnung. Weist sie einen höheren Steuerbetrag aus, als das Gesetz für den Umsatz schuldet, entsteht die Steuer nach § 13 Absatz 1 Nummer 3 UStG mit der Ausgabe, und die Berichtigung nach § 14c Absatz 1 verlangt zuerst den Abfluss an den Kunden. Das ist eine eigene Seite.

Was Keel aus einer OPOS-Liste macht

Forderungsrealisierung ist die fünfte der sieben Keel-Methoden, und sie beginnt beim Sortieren, nicht beim Mahnen. Aus der OPOS-Liste bauen wir Altersstruktur, Konzentration und eine Priorisierung nach erwartetem Eingang, neben Runway und Distress Score aus BWA und SuSa. Am Ende steht eine Reihenfolge: Welche Posten bringen in vier Wochen Geld, welche brauchen zuerst Klärung, welche sind faktisch verloren und nur noch steuerlich aufzuräumen.

Dieselbe Liste ist die Eintrittskarte für den externen Weg. Beim Forderungsverkauf und beim Factoring hängt die Entscheidung weniger an Ihrer eigenen Bonität als an Alter, Streuung und Zahlungsfähigkeit Ihrer Debitoren. Ohne aktuelle OPOS-Liste gibt es dazu kein Angebot.

Eine Einschränkung gehört dazu, und sie steht auf keiner Anbieterseite: Ein eigener Umsatzsteuerrückstand wirkt doch durch, weil § 13c Absatz 1 Satz 1 UStG den Käufer der Forderung für die darin enthaltene Steuer haften lässt, wenn sie bei Fälligkeit nicht entrichtet ist.

Eine zweite Bedingung sitzt auf dem Konto, nicht auf der Liste. Ist das Geschäftskonto gepfändet, umfasst die Pfändung nach § 833a ZPO das bestehende Guthaben und die Tagesguthaben der folgenden Tage. Der erwartete Eingang ist dann keine freie Liquidität.

Was Keel nicht ist, gehört dazu: kein Inkassounternehmen, keine Kanzlei und keine Steuerberatung. Wir mahnen nicht in Ihrem Namen, führen keine Verfahren und treffen keine Aussage dazu, ob eine Forderung im Sinne des Umsatzsteuergesetzes uneinbringlich ist. Der Distress Score ist eine interne Einordnung zur Priorisierung, keine rechtliche Kategorie und kein Rating.

Nächster Schritt

Wenn die nächste Lohnzahlung näher liegt als der nächste sichere Zahlungseingang, ist die OPOS-Liste der schnellste Weg zu einer belastbaren Zahl. Legen Sie auf keel.legal den letzten Jahresabschluss, die aktuelle BWA plus SuSa und die OPOS-Liste ab, hinterlassen Sie Kontakt und Rolle, und wählen Sie Termin oder Rückruf. Innerhalb von zwei Werktagen kommen Lagebild, Distress Score und erste Kurzfrist-Angebote zurück.